Abendspaziergang

Ein Besuch im „Mr Pickwick“ ist besonders dann zu empfehlen, wenn man danach zu Fuss heimwärts trotten kann, denn dann macht man spannende Erfahrungen, jedenfalls ich.
Zuerst mal erfuhr ich, dass das Zytglogge-Urinoir wegen „Unterhalts- und Malerarbeiten“ (o. ä.) gesperrt ist. Weshalb genau, weiss ich nicht, ich kam nicht mehr dazu, das Schild genau zu lesen, meine Blase hatte zu grossen Druck. Ist ja auch nicht so wichtig. Die nächste Erfahrung lauerte bereits auf der Kirchenfeldbrücke. Ich befand mich mitten auf der Brücke, das heisst: in der Mitte zwar schon, aber doch nicht ganz, denn ich stand nicht mitten auf der Strasse, sondern am Rand, beim Geländer. Dort erfreute ich mich ob meinen Speicheltropfen, welche sich mit wildem Getrudel in die unbändigen Wassermassen der schönen, schönen, schönen, grünen Aare ergossen. Und auf einmal war ich ganz alleine auf der grossen Brücke. Ich überlegte mir: „Wenn i itze da abegumpe, de merkt das ke Sou!“ Letzten Endes kam ich aber dann doch zum Schluss, dass dies keine so vernünftige Idee wäre. Wer würde dann am nächsten Wochenende an den og-Konzerten die wichtige Vibraphonstimme übernehmen? Und es wäre doch reichlich unfair, der RBB, die heute (bzw. heute schon gestern) mit grossen Mühen einen neuen Schlagzeuger gefunden hat, den anderen Schlagzeuger quasi wegzunehmen. Zumal ich noch viele Noten im Rucksack hatte, und die hätte dann der Fredi in mühsamer Arbeit alle wieder aufkopieren müssen, und das grenzt schon fast an unnötige Papierverschwendung. Und dann hatte ich ja noch meine Perkussionsschlägel im Wert von über 500 Franken dabei, und um die wäre es nun wirklich schade gewesen.
So in Gedanken versunken stand ich also dort am Geländer, als ein Auto vorüberfuhr, und mir zurief (das heisst: der Fahrer des Autos): „Nid springe, ’s bringt nüt!“ Ach! Herzlichen Dank auch für den Tipp! Das hatte ich auch nie vor. Wenn ich’s aber wirklich im Sinn gehabt hätte, dann hätte ich mich auch von einem flüchtig vorüberschiessenden Wagen nicht davon abhalten lassen. Wenn dir wirklich etwas daran gelegen hätte (wäre?), dann hättest du sofort angehalten und mich in ein Gespräch verwickelt!
Nun ja, was solls, wie gesagt, ich bin ja nicht gesprungen. Zum Glück auch, denn sonst hätte ich die nächste Erfahrung nicht machen können! Die Tram-Erfahrung. Ich habe herausgefunden, dass sich der Satz „I am a Tram“ reimt (das ist Englich und macht nicht den geringsten Sinn, was uns aber nicht weiter beschäftigen soll). Das ist aber noch nicht meine Tramerfahrung. Die Tramerfahrung hatte (machte?) ich, als ich auf dem Helvetiaplatz auf den Tramgleisen stand, und gen Thunplatz blickte. So muss sich ein Tram fühlen, wenn’s dort steht und merkt, Aha, jetzt geht’s da obsi! Eine ellenlange, gerade Strecke ohne Hindernisse! Naja, bis auf die Delle bei der Luisenstrassehaltestelle. Aber wenn man die dann mal hinter sich gebracht hat, dann hat man wirklich freie Fahrt! Das sieht noch keiben gut aus, ein schnurgerader Schienenstrang. In unserem Hause befindet sich ja so ein Eisenbahnbuch, dessen Fotos ich als kleiner Junge mit grosser Begierde richtiggehend verschlang, vorzugsweise diejenigen mit den grossen Dampflokomotiven mit dem komplizierten Dampfrohren und vielen Drähten und Hebeln und Kolben und Stangen und Mechaniken! Da konnte ich richtig ins Träumen kommen, und schon habe ich den Faden verloren. Ich will mich mal auf die Suche danach begeben.
Ach so, genau: in diesem Buch hat’s eine Fotografie einer australischen Eisenbahnstrecke, die mitten durch die Wüste führt, und die ist bis zum Horizont schnurstracksbolzengerade. Das ist eindrücklich!
Wie ich so den Schienen entlandwandelte, machte ich eine grausige Entdeckung! Mitten in den Schienen, eingeklemmt im engen Metall, befand sich eine Stein! Ein Kemp, nicht viel grösser als eine Baumnuss (jaja, meine lieben Deutschen: Walnuss. Besser?), aber auch nicht kleiner. Und wie uns schon Gaston eindrücklich bewiesen hat (wer kennt ihn nicht, den sympathischen Büromenschen, der fürs Leben gerne schläft und mindestens ebenso ungerne arbeitet?), kann eine Baumnuss durchaus mal eine Strassenbahn aus den Gleisen werfen. Deshalb bin ich nun in nicht gelinder Sorge! Ich werde wohl während der nächsten Tage aufs Tram verzichten müssen (hätte ich doch bloss mein Velo zurück!).
Abschliessend möchte ich noch sagen, dass ich mich noch ein wenig im Splügen-Lager-Groove befinde. Splügen ist so ein herziges Dörfli, dort kann man problemlos mitten auf der Strasse spazieren, und wenn mal zufälligerweise ein Auto vorbeikommt, macht man ihm Platz, und dann ist alles in Ordnung. In Bern möchte ich das am hellichten Tage nicht ausprobieren. Des Nachts jedoch stellt dies kein Problem dar, und deshalb habe ich meinen Heimweg auf der Strasse zurückgelegt. Interessant, durchaus.
Von der Strasse zum Platz. Genauer: zum Bundesplatz. Den habe ich heute zum ersten Mal ohne BauabsperrSiedürfenhiernichtdurchBetretenaufeigeneGefahrgitter gesehen. Naja… Ok, vielleicht lag’s an der Dunkelheit und den ausserbetriebgesetzten Sprühfontänen, dass ich nichts besonderes an diesem Platz entdecken konnte, ausser, dass nun die Strasse rundherum frisch geteert ist und der Boden aus irgendwelchen Steinen besteht. Aber als besonders originell oder schön oder sehenswert oder kulturell oder interessant oder architektonisch hochwertig oder gut würde ich ihn nicht gerade bezeichnen. Hoffentlich bekomme ich irgendwann mal die Chance, meine Meinung zu ändern. Ich wäre gerne ein begeisterter Anhänger des neuen Bundesplatzes!
Meine Linsen spinnen (darum werde ich bei der nächsten RBB-Probe auch die Brille tragen), weshalb ich nun zu Bette mich begebe. Ratzepüh!

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