CeDes für immer!

Etwas vom Schönsten und gleichzeitig Mühsamsten ist es ja wohl, eine pressfrische CD ihrer Cellophanumhüllung zu entledigen. Es handelt sich bei diesem Vorgang quasi um einen oxymorontischen Akt, wenn man das so ausdrücken will. Mit der Vorfreude auf den bevorstehenden Musikgenuss, der einen nach erfolgter Pellung erwartet, geht dieses allseits wohlbekannte mühevolle und äusserst strapazöse Geknübel einher, bei dem man sich drei Fingernägel abbricht und mindestens anderthalb Handgelenke verstaucht.

Aber dann! Nach vollbrachter Tat, ist die Freude dann nicht umso grösser, wenn sich die Scheibe zum erstem Mal im Abspielgerät dreht? Wenn man das beiliegende Büchlein zum ersten Mal in den Händen hält, den druckfrischen Geruch durch die Nüstern zu den Nasenschleimhäuten strömen lässt und sich an der gekonnten Gestaltung der gesamten CD-Hülle erfreuen kann? Doch, das ist sie! Es ist ein ganz anderes, ein ungleich erhabeneres Gefühl, als wenn man bei iTunes oder Spotify oder wie diese Dienste auch immer heissen, ein Knöpfchen geklickt hat und profane Bytes durch die Internetleitung hat strömen lassen.

«Auf CDs sind auch nur Einsen und Nullen», höre ich dich sagen. «Sei still», antworte ich.

Ich habe mir jedenfalls eine nicht unerhebliche Menge kompakter Scheiben gegönnt, um endlich meine Züri-West-Diskografie vervollständigen zu können. Neu mein Eigen nenne ich fürderhin Bümpliz-Casablanca, Elvis, Arturo Bandini, Winter Tour, Züri West, Hoover Jam, Super 8, Radio zum Glück, Aloha From Züri West und Haubi Songs (hatte ich die nicht schon mal irgendwo?), damit sich HomeRekords, Göteborg und Love nicht mehr so einsam fühlen im CD-Regal.

Ob ich mir Retour besorge, überlege ich mir noch.

Und wenn mir jemand sagen kann, wo ich Splendid, Kirchberg und Sport und Musik herkriege, dann bin ich für jeden Hinweis dankbar.

Karma extrem OK

Der King Pepe, wir wissen es alle, ist eine Kanone. Mit Karma OK hat er am 11. Jänner eine neue CD veröffentlicht, die mit ungewohnt elektronischer Musik und gewohnt Pepe’schen Texten zu begeistern weiss. Jedenfalls mich.

Es liegt nun auf der Hand, dass eine CD mit einer Plattentaufe gebührend in die Welt eingeführt werden muss. So würde man denken, dass ebendiese Plattentaufe am selben Tag stattfände, an dem die CD in den Handel kommt. Das wäre also der 11. Januar 2019 gewesen.

Dem war aber nicht so. Der gut informierte Musikkonsument kennt das Datum selbstverständlich. Da sich unter meiner Leserschaft nun aber sicherlich auch Personen mit musikalischem Minderinteresse befinden, kann es nicht schaden, wenn ich hier nebenbei erwähne, dass das Geburtsfest erst gute zwei Monate später im ISC stattfinden wird. Zwei Monate und 11 Tage, um genau zu sein. Im März. Am zweiundzwanzigsten.

Weshalb ich das derart expressis verbis erwähne? Ach … sagen wir mal so: Ein besseres Geburtstagsgeschenk hätte ich mir nicht wünschen können ?. Tickets habe ich schon! Freude, Freude!

079 sagt mir nichts

Heute Nachmittag habe ich also zum ersten Mal in meinem Leben dieses «079» gehört, dieses Lied von Lo & Leduc, das letzten Sommer offenbar derart im Radio hoch- und runtergeleiert wurde, dass es nun also der erfolgreichste Schweizer Song des Jahres 2018 ist oder was.

Und ich muss sagen: Okei, verpasst hani da afe mau nüt. Ich masse mir nicht an, zu behaupten, der Song sei schlecht. Das ist schliesslich Geschmaackssache. Aber meinen Geschmack trifft er in keinster Art und Weise. Und dann singen die beiden Amateure auch ständig davon, er wolle «ihri Nummere» haben. Dabei weiss doch jedes Kind, dass ein richtiger Berner wenn schon «ihres Nummero» sagt. Deswegen kann ich ruhigen Gewissens mein weiteres musikalisches Dasein ohne die beiden berner Mundartbarden fristen.

Das eröffnet mir die Möglichkeit, mich voll und ganz auf King Pepe zurückzubesinnen! Nächsten Freitag, am 11. Januar 2019, erscheint sein neuestes Album, KARMA:OK. Wie ich mich freue!

Eine Audienz beim König

Bad Bonn. Bereits der Name des Lokals macht einen neugierig, was da wohl zu erwarten sei. In Düdingen befindet sich das, wobei: in Düdingen kommt einer masslosen Übertreibung gleich. Denn vom Bahnhof sind es – die diversen unfreiwilligen Umwege eingerechnet – gut 20 Minuten zu Fuss. Und das bei bitterer Eiseskälte.

Und weswegen tut sich ein vernünftiger Mensch das an, bei arktischen Temperaturen durch den Gaggoo zu wandern, um an einem dem landläufigen Stadtberner gemeinhin unbekannten Ort zu landen? Die Antwort liegt auf der Hand: Des Königs wegen! Des Pfefferkönigs wegen, um genau zu sein. Pfefferkönig? fragst du. Lasse mich ausdeutschen: King Pepe nennt sich dieser Artist berndeutscher Mundartmusik, und zusammen mit Le Rex gastierte er am Samstag in besagtem Bad Bonn, mit dem einzigen Zweck, mir einen unvergesslichen Abend darzubieten.

Der Pepe, das ist einer, für den es sich lohnte, noch weitaus weiter als nur bis ins nahegelegene Düdingen am schönen Schiffenensee zu pilgern, denn live ist er noch mal einen Zacken knackiger als ab Platte, sei sie nun aus Schellack, Vinyl oder Polycarbonat. Für den Pepe, glaube ich, würde ich sogar in die ferne Ostschweiz schweifen. Denn der Pepe ist super.

Das Publikum war zwar nicht überragend zahlreich, trotzdem herrschte Bombenstimmung, was ja auch nicht weiter verwundert, denn Le Rex – mit einem Arno Troxler als Ersatz für den in New York weilenden Rico Baumann am Schlagzeug und einer den legendären Andreas Tschopp an der Posaune vertretenden Nina Thöni – rockten wie die wilden, und Pepe ging während Pepe gschpürt Liebi derenweg ab wie ein Zäpfli, dass er gar mit der Gitarre seinen Mikrofonständer zu Boden warf. Einer geistesgegenwärtigen den Ständer wieder aufstellenden Konzertbesucherin aus der ersten Reihe war es zu verdanken, dass Pepe nach seinem Trompetensolo zeitgerecht weitersingen konnte. Alles in allem also eine Höllenshow, die leider nach viel zu kurzer Zeit bereits zu Ende war. Immerhin gelangten alle Stücke ab 70% Wasser zum Vortrag, und das mochte mein Herz erfreuen.

Klar, dass ich da den Merchandising-Stand nicht nutzlos herumstehen lassen konnte, und so bin ich nun stolzer Besitzer eines edlen King-Pepe-Stofftaschentuches mit güldener Stickerei. Siehe:

Ein vornehmes Tuch, gewoben aus edlem Zwirn, geziert von güldenem Gesticke!
Ein vornehmes Tuch, gewoben aus edlem Zwirn, geziert von güldenem Gesticke!

Und weil’s so schön ist, noch eine Detailaufnahme:

Eine königliche Stickerei
Eine königliche Stickerei

Wow! Gute Nacht!

Sehet her und leset, denn dies ist meine Schrift

Was ich heute erlebt habe, bedarf eines Beitrages, denn es war eindrücklich und beängstigend zugleich: Ich war in der katholischen Weihnachtsmesse.

Eigentlich wollte ich ja nur den Chor und die Musik hören gehen, aber das ist nur recht schlecht möglich, ohne der ganzen Zeremonie beizuwohnen, und so betrachtete ich um elf Uhr morgens, als ich die Dreifaltigkeitskirche betrat, die kommenden anderthalb Stunden als kulturelle, religiöse und allgemeine Weiterbildung. Gehört hatte ich ja schon von diesen katholischen Gottesdiensten, wo der Prälat etwas sagt und die Gemeinde wie von Geisterhand antwortet. Und nun sollte ich es also selber erleben! Und wie ich es erleben sollte!

Die Kirche war schon gut gefüllt, als ich ankam, aber ich fand trotzdem noch ein Plätzchen, relativ weit hinten, am Rande einer Sitzbank. Ich installierte mich und bemerkte, dass auch bei den Katholiken die Sitzbänke nicht bequemer sind als bei uns Protestanten: Nur ein ganz dünnes Sitzkissen für den Allerwertesten und eine Rückenlehne, die jedem Spinalorthopäden Tränen der Freude entlocken muss, weil er mit grosser Kundschaft rechnen kann. Da auch die Beinfreiheit mehr als zu wünschen übrig liess, versuchte ich, meinen rechten Fuss auf dieser Fussleiste vor mir zu deponieren, was mir aber auch nicht behagte. Der einzige Effekt dieses Versuchs war, dass der alte Mann zu meiner Linken mich wütend anschnaubte, an der Fussleiste zu nesteln begann und sie hochklappte. Ah, hatte ich mich also geirrt: Es war gar keine Fussleiste, sondern eine Kniefallraste, auf der sich fromme Christen fortan die Hosen dreckig machen, weil ich sie mit meinen Schuhen beschmutzt habe. Ich entschuldige mich hierfür nachträglich.

Derweil ich auf den Beginn des Spektakels wartete – und mich selbstverständlich in Grund und Boden schämte für mein Fussleistenmissgeschick – blieb mir genügend Zeit, einmal die Kirche in Augenschein zu nehmen. Ein schönes Gebäude! Das Presbyterium in schönem Sonnengelb bemalt, die Fenster glasig und bunt, die Decke hoch, die Säulen aus glänzend poliertem Stein mit manierlichen Kapitellen, alles in allem ein ansprechender Eindruck, der sich mir bot.

Das Klingeln eines hellen Glöckleins riss mich aus meinen Betrachtungen und ich staunte nicht schlecht, als plötzlich eine ganze Horde weissgekleideter Gestalten den Mittelgang entlang schritt. Ein Mann trug gar einen wunderbar goldgelben Talar, um den ich ihn ein wenig benitt (benod? benied? Leider kennt nicht einmal die Gesellschaft zur Stärkung der Verben das Präteritum von beneiden), hierbei handelte es sich ganz offensichtlich um den Sektenguru. Das Personal war eingetroffen, es konnte also losgehen!

Eine merkwürdige Angelegenheit, so eine katholische Messe. Eröffnet wurde sie vom Oberzauberer persönlich mit den Worten «Liebe Mitmenschen», was mich ein wenig enttäuschte, hatte ich doch mit einer lateinischen Litanei gerechnet. In der Tat war es dann aber immerhin so, dass sich zeitweilig ein eigenartiger Dialog zwischen Publikum und Priester entspann, dem ich aber nicht folgen konnte. Ich konnte nicht einmal ein eindeutiges Stichwort ausmachen, das die Gläubigen zu ihrem Gemurmel angestiftet hätte. Für mich ging das wie durch Zauberei.

Auch das ewige aufstehen und absitzen schien mir anfänglich eine sonderbare Sitte. Mit der Zeit aber kam ich auf das tiefere Geheimnis dieses Brauches: Steht der Mensch auf, so hindert ihn das am Entschlummern in die tiefen Täler traumlosen Schlafes. So gesehen ist es eine glatte Sache, mit einer simplen Armbewegung ganze Menschenmassen auf- und abzudirigieren.

Der nächste Höhepunkt bot sich beim Abendmahl: Der Priester brach die Oblate, erzählte, was Jesus beim letzten Abendmahl erzählt hatte, hob die Oblate hoch über seinen Kopf, und dann wurde gebimmelt, was das Zeug hielt: Zuerst *dödlöng-dödlöng-dödlöng* von links, dann höher *didling-didling-didling* von rechts und dann nochmal *dödlöng-dödlöng-dödlöng* von links. Danach  nahm der Gottesdiener den Kelch mit dem Wein, erzählte, was Jesus beim letzten Abendmahl erzählt hatte, und hob den Kelch hoch über seinen Kopf. Wieder *dödlöng-didling-dödlöng*. «Dasch ja itz no cheibeluschtig mit dene Glöggeli», hatte ich gerade noch Zeit, zu denken, als bereits die nächste Bedrohung in Form eines Messdieners nahte: Langsam und drohend schritt er mit einer Schale voller Oblaten in der Hand den Gang entlang auf mich zu, und mich durchzuckte es siedendheiss: Jetzt ist Interaktion mit dem Publikum gefragt! Die Knie wurden mir weich wie Butter, denn schliesslich war dies meine erste Messe und ich hatte doch keine Ahnung, was man da beim Abendmahl zu tun pflegt. Stellte ich mich jetzt dumm an, dann flöge ich auf, und alle wissen, was fromme Katholiken mit Ungläubigen anstellen: Sie stecken sie auf den Scheiterhaufen. Zum Glück sind heutige Katholiken aber weit weniger radikal als ihre mittelalterlichen Vorfahren, und so überlebte ich das Abendmahl unbeschadet, indem ich einfach an meinem Platz sitzen blieb und dem Treiben aus sicherer Distanz zuschaute.

Bald darauf der nächste brenzlige Moment: Der Priester hatte irgend etwas gesagt (meine Gedanken waren in dem Moment leider gerade abgeschwoffen), und plötzlich begannen alle in der Kirche, sich gegenseitig die Hände zu schütteln. Ich wunderte mich und wusste nicht, wie mir geschah, als meine mir vollkommen unbekannte Sitznachbarin meine Hand ergriff und mir wohl eine frohe Weihnacht wünschte. Zu baff war ich, als dass ich verstanden hätte, was genau sie mir sagte. Ich lächelte einfach freundlich und stellte mich dumm, was mir ja nicht allzu schwer fällt.

Irgendwann einmal war dann der Gottesdienst fertig, und vielleicht sollte ich jetzt auch noch erwähnen, dass sowohl Chor als auch Orchester und Orgel wirklich gut gespielt und gesungen haben. Insbesondere die Solosänger verdienen lobende Worte, hierfür hat sich mein abenteuerlicher Ausflug gelohnt.

Mein abenteuerlicher Ausflug, der ja noch gar nicht zu Ende erzählt ist! Als ich nämlich die Kirche verlassen hatte, und noch ein wenig vor dem Eingang herumstand, stand wie aus dem Nichts plötzlich der goldgelb-betalarte Priester vor mir, lächtelte mich an, ergriff meine Hand und sprach: «E fröhlechi Wiehnacht wünsch ich ihne!» Ich war ganz und gar verdattert und sagte, glaub ich, nur: «Merci, glichfaus», denn zu mehr sah ich mich momentan ausserstande. Ich schnappte mir schnell mein Velo und rauschte vondannen.

… vielleicht doch nicht eine ganz so verkehrte Sache, dieser Gottesdienst, wenn man denkt. Liesse man den ganzen langweiligen Sermon weg, mit dem ich als streng säkular geprägter Mensch nichts anfangen kann, dann bliebe ein schönes musikalisches Erlebnis und freundliches Händeschütteln, gegen das – ausser aus hygienischer Sicht – nicht das Geringste einzuwenden ist. Wer weiss, vielleicht gehe ich wieder einmal Katholiken schauen.