Der Trämeler, dein Freund und Gemüseretter

Nach getanen Kommissionen fahre ich mit dem Kastenvelo über die Kirchenfeldbrücke in Richtung Helvetiaplatz, die Ladebucht voll mit all den guten Gaben, die der Bärner Märit zu bieten hat. Mitten auf der Brücke, gegen böigen Seitenwind kämpfend und deswegen nur langsam unterwegs, muss ich einem auf der Strasse liegenden Bündel Federkohl ausweichen. Ob es sich wirklich um Federkohl handelt, kann ich zwar aufgrund der anspruchsvollen Fahr- und Wettersituaion nicht mit abschliessender Sicherheit sagen, aber Grünzeug ist es auf alle Fälle, und das scheint jemandem aus dem Velokörbchen gefallen zu sein, so mutmasse ich.

Und wie ich weiter meines Weges fahre, nähert sich von hinten ein blaues Bähnli, welches mich ungefähr auf Höhe Luisenstrasse eingeholt hat. Ich bemerke, wie es relativ langsam zu fahren scheint, und als ich «Heit dir die Chrutschtile verlore?» höre, drehe ich mich zur Seite und sehe den Trämeler, wie er aus dem Fenster lehnt und mir zuwinkt. Auf mein beruhigendes «Neei!» hin, zieht er sich in die Fahrerkabine zurück und rauscht mit seinem Tram vondannen.

Ich fahre gemütlich weiter und mache mir Gedanken. «Danke, dass der gfragt heit!», «Das Gmües isch scho dert gläge, woni düregfahre bi!» oder «Das isch gloubs Fäderechöhli u kener Chrutschtile» sind nur ein paar der möglichen Antworten, die mir jetzt duch den Kopf gehen. Aber so schnell kann ich auf dem Velo nicht denken, als dass ich rechtzeitig so eine Replik hätte geben können, und sowieso ist es jetzt zu spät und damit müssig, weiter darüber zu sinnieren.

Ich möchte dem Trämeler auf diesem Weg einfach für die Nachfrage danken. Die Welt braucht mehr solcher menschenfreundlicher Leute!

Und jetzt: Montreux!

Streckenunterbr—

Heute Morgen im Nünitram: Es knackt im Lautsprecher und eine verrauschte Frauenstimme meldet sich:

«Liebe Fahrgäste. Auf der Linie Neun ist aufgrund einer Fahrzeugpanne die St-«

Mir scheint, als ob heute Morgen auch der Lautsp- unterbrochen sei. Henu, nehmen wir halt den Fuss und kommunizieren mit dem Mund. Bis man mir die unterbricht, bleiben mir hoffentlich noch ein paar Jahrzehnte.

Schschschöneguetemorge!

Was für ein Start in den Tag! Da sitze ich unbekümmert im Tram, um zur Arbeit zu fahren, und kurz vor dem Hirschengraben knackt’s plötzlich im Lautsprecher. Der Trämeler meldet sich: «Schschschöne guete Morge, wärti Fahrgescht», schallt es in einer Lautstärke durchs Tram, dass ich einen veritablen Zusammenzucker vollführe, und wer schon mal mit mir im Kino einen Horrorschblättertriller gesehen hat, kennt meine Schreckhaftigkeit und erwartet jetzt wohl, dass ich auch noch ggöisse, aber dafür ist’s mir um sieben noch zu früh.

Zum ggöissen bleibt mir auch gar keine Zeit, denn die Durchsage geht schon weiter: «Das wär itz none Tag für i d Bärge z’ga, gäuet, bi däm schöne Sunneschyyn! I wünschenech uf jedefau e wunderschöne Tag, ohni Stress, Erger u Töibi!» Die Stimmung im Tram ändert schlagartig von Ääh-i-mues-ga-bügle auf Hey-super-d-Sunne-schyynt, und alle raunen unisono «Merci», einige gar noch «Glyychfaus». Und auch ich merke, wie mich diese Worte erheitern. Dafür möchte ich dem Trämeler, der heute Morgen das 9i-Tram auf sicherem Weg mit grösstmöglichem Fahrkomfort zum Bahnhof führte, danken und wünsche ebenfalls einen wundervollen Tag. Man sollte dies viel öfter tun.

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Frühmorgens im Tram

Wie wird man am schnellsten wach, wenn man um 5:38 Uhr (morgens!) nach einer nicht allzu langen Nacht ins Tram steigt, weil man schon um sieben Uhr in Luzern sein muss? Ganz einfach: Man stolpert in ein Spinnennetz (im Tram!) und merkt es erst, wenn’s im Gesicht gramüselet. Spätestens sobald man realisiert hat, dass einem da eine Spinne über das Antlitz spaziert, schiesst der Adrenalinspiegel derart in die Höhe, dass jedwelche Müdigkeit verflogen ist.

So geschehen heute Morgen. Ich bin jetzt noch ganz wach davon.

Eines Wintermorgens im Tram: Pulverschnee

Lieber Leser, liebe Leserin, lasse mich Dir berichten, was ich vor wenigen Tagen erlebte, als ich mit dem Tram zum Bahnhof fuhr.

Es war schon später am Morgen, hatte ich doch ein wenig verschlafen. So bestieg ich also um ca. 8:40 Uhr beim Weissenbühl das 3-Tram, setzte mich ins Viererabteil am Ende und liess mich chauffieren. Um der Langeweile während der mir bereits wohlbekannten Tramfahrt ein wenig entgegenzuwirken, zückte ich mein Intelligenztelefon und jasste mir einen Differenzler, weil der schneller vorbei ist als ein Schieber und die Tramfahrt zum Bahnhof ja lediglich 8 Minuten dauert.

So befand ich mich denn ins Spiel vertieft (es lief so gut wie noch nie! Heimatland!), als beim Hasler eine junge Dame mit ihrem Tretroller einstieg und sich schräg vis-à-vis von mir hinsetzte. Die junge Frau war dermassen nervös und offenkundig nicht ganz wohl, dass sie sich wohl verpflichtet fühlte, sich bei mir zu entschuldigen. «Oh, scho guet, nüt passiert», erwiderte ich, gewohnt freundlich, und jasste weiter.

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, dass die junge Dame in ihren Taschen zu kramen begann, auf Sitz und Ablagefläche eine regelrechte Auslegeordnung ihrer Habseligkeiten darlegte und dabei so gestresst und nervös wirkte, wie nur ich es vor meiner mündlichen Mathematikprüfung an der Uni gewesen sein konnte. Allenthalben nestelte sie an irgendetwas herum, begann dann aus Papier irgendetwas zu fabrizieren und veranstaltete jedenfalls eine derartige Höllenkomedi, dass ich mich zwischen Kocherpark und Hirschengraben nicht mehr beherrschen konnte und endlich einen Blick auf das warf, was die Person da eigentlich am tun war.

Mich traf der Schlag.

Beinahe jedenfalls, denn sonst könnte ich ja nicht mehr davon berichten: Das fabrizierte Ding aus Papier entpuppte sich als Röhrchen, und just als ich meinen Blick von den Jasskarten ab- und der Dame zuwandte, zog sie sich damit eine feinsäuberlich dargelegte Linie weissen Pulvers geräuschvoll in die Nase.

Um 8:46 Uhr. In Bern. Im Tram. Vor meinen Augen.

Etwas baff versuchte ich, mich wieder auf meinen Jass zu konzentrieren, der irgendwie nicht mehr so recht in Gang kommen wollte. Wie die Frau ihr Zeug zusammenpackte und am Bahnhof merklich beruhigt ausstieg, nahm ich zwar wahr, war aber in Gedanken schon einen Schritt weiter. Hatte ich richtig gehandelt? War es gut, ihr Tun zu ignorieren? Hätte ich sie darauf ansprechen sollen?

Ich kam zum Schluss, dass ich sie entweder auch um eine Line hätte bitten sollen, oder aber ganz unabsichtlich mittels Höllennieser den Stoff in alle Winde hätte verblasen sollen. Beim nächsten Mal probiere ich das mal aus. Ich freue mich schon ein wenig.