Wechselwetter

Ich mag dieses scheinheilige Wetter nicht. Am Morgen strahlt es, als könne es kein Wässerchen trüben, am Nachmittag trüben bereits dunkle Wolken den Himmel, und am Abend plätschert ein Wässerchen aus demselbigen. Nun, plätscherte es lediglich, so beklagte ich mich nicht, wenn aber ein Gewittersturm erster Güte, mit Donnerblitz und Windgischt, durch die Stadt tobt, so sehe ich mich gezwungen, mein Fahrrad im sicheren Hafen ankern zu lassen, und für teures Geld die öffentlichen Transportmittel zu bemühen. Was das wieder an Zusatzkosten generiert!

Dabei muss ich mir doch heute noch eine Guttere Linsenflüssigkeit leisten, meinen Augen zuliebe. Und Kopfhörer mit einem langen, langen Kabel, dem Bürofrieden zuliebe. Und die restlichen beiden SJO-CDs, dem guten Gewissen zuliebe. Und einen Fahrradschlauch, dem Vorrat zuliebe. Und mehr RAM, der Geschwindigkeit zuliebe. Und ein Kinobillet, dem Vergnügen zuliebe.

Und einen Finanzberater, dem Kontostand zuliebe.

Ich werde mich wohl auf die Linsenflüssigkeit beschränken müssen.

Ich bin stolz auf mich

Ich bin stolz auf mich.

Erst einmal habe ich endlich das Loch im Vorderpneu geflickt. Das bringt mich jetzt zwar um meine tägliche Trainingseinheit «Reifenpumpen» — wo doch der Guru heute beim Zmittag mit einem verächtlichen Grabscher nach meinem schmächtigen Bizeps gefunden hat, ich sollte mehr Sport treiben — dafür erspart es mir manches Ungemach, wenn ich im höchster Eile zum Haus hinausstürme und einen platten Reifen antreffe, denn fahre ich mit mangels Zeit ungepumpt gebliebenem Vorderreifen durch die Gegend, muss ich in jeder Kurve stark abbremsen, um nicht im Strassengraben zu landen. Doch diese Zeiten sind nun also, wie gesagt, vorüber.

Des Weiteren habe ich mich meiner schlappen Pumpe angenommen. Mit enormer Handwerkerkunst, die mich zugegebenermassen selber überrascht hat, habe ich von einem Korkzapfen ein dickes Scheiblein abgesägt, es mit einem 8er-Bohrer hohlgebohrt, und dann in zwei Halbmonde gespalten. Die beiden Hälften habe ich ums Pumpenrohr gelegt und mit Klebeband fixiert, so dass die Feder nun früher schon auf Widerstand stösst beim zusammenstauchen der Pumpe — und diese so fest und sicher in den Haken verankert bleibt. Ein fürwahr ingeniöses Konstrukt.

Ich bin stolz auf mich!

Gymnasiascht? Das stimmt äuä nümme, oder?

Das Wartezettelchen mit der Nummer 019 trug den Zeitstempel 10:12. Die Schalterhalle verlassen habe ich um 10:55. Ich habe also 43 Minuten meines Lebens heute darein investiert, eine neue Identitätskarte zu bestellen.

Begonnen hat der ganze Prozess mit dem Anfertigen standardkonformer Passbilder. Es darf heutzutage nicht mehr gelacht, gelächelt oder gegrinst werden. Der Kopf muss gerade und Aufrecht in die Kamera blicken. Schattenwurf ist verboten. Brillen muss man entfernen, um Reflexionen zu vermeiden. Eine Brille trage ich ja kaum mehr, also war mir diese Hürde bereits automatisch aus dem Weg geräumt. Den Schattenwurf hatte ich ziemlich im Griff, und als ich mir dann vorstellte, wie lange ich noch zu warten hatte, und welchen Geldbetrag mich dieses kleine Stück Plastik, das ich da zu beantragen gedachte, kosten würde, ist mir auch noch das letzte Grinsen vergangen. Eigentlich war es mir das schon, als ich mit Entsetzen feststellen musste, dass mich die 4 Passföteli (1 Schuss, 4 mal das gleiche Bild) sagenhafte 8 Franken kosteten. Die nehmen’s wirklich von den Läbigen.

Nach 35 Minuten Warten blinkte das Nümmerli auf, das sich mit dem Nümmerli auf meinem Wartezettel deckte, und der Herr Burri, der mich bediente, war freundlich und erkundigte sich, ob ich denn immer noch Gymnasiast sei, und ich konnte erwidern, dass nein, ich studierte seit 2002 an der Uni Bern Informatik. So weiss die Stadt nun also wieder Bescheid über mich.

Der Herr an der Kasse meine, «Chömet nume, i bi grad bi nech», derweil er penibel Wartezettelchen nach Nummern sortierte. Schliesslich kassierte er doch noch die 70 Franken aus meinem Portemonnaie, und ich war entlassen.

Zwar kopfschüttele ich immer noch ob der langen Wartezeit, aber Dänu hat mir versichert, schon mal geschlagene zwei Stunden gewartet zu haben. Und laut Dezi muss man für den Besuch auf dem italienischen Konsulat einen ganzen Tag einplanen. Demnach kann ich mich wohl glücklich schätzen, der Bürokratie noch vor dem Mittagessen entronnen zu sein.

107 Tage

Um genau zu sein: 107 Tage, 1 Stunde, 43 Minuten und 38 Sekunden, das war die bisherige längste ununterbrochene Uptime meines Servers. Seit heute, 12:34:00 MESZ ist dieser Rekord gebrochen. Wenn’s nun einen Absturz gibt, muss ich nicht mehr zu Tode betrübt sein 🙂 .

Obenohneschläfer in Bolligen

Eine Zugfahrt, die ist lustig, eine Zugfahrt, die ist schön, und wenn ich mit solch einem geflügelten Wort meinen Eintrag beginne, sollte ich wohl auch ein stichhaltiges Argument für meine Behauptung nachliefern. Das stellt kein Problem dar.

Fährt man selbdritt im letzten Regionalzüglein, spät des Nachts, von Boll nach Bern zurück, so findet man sich zwangsläufig in hitzige Diskussionen verstrickt, bis man in Bolligen einfährt. Dort verkündet dann plötzlich der Hubi — oder war’s Corni? — «Hehe, lug mau zum Fänschter us!», und tatsächlich, schaut man dann zum Fenster hinaus, so offenbart sich einem ein Anblick, den man wahrlich geniessen muss: auf den Wartestühlen sitzt ein junger Mann, oben ohne, in sich zusammengeklappt, augenscheinlich einigermassen gemütlich schlummernd. Die Ruhe selbst, reinster Friede auf Erden strahlt von dieser Person aus, und trotzdem kann ich mich nicht eines einigermassen heiteren Lachens erwehren.

Daraufhin rührt sich der Schläfer und wacht auf, währenddessen der Zug leider schon wieder anfährt und die komische Szene verlässt. Der Jüngling im Abteil neben uns amüsiert sich über den Schlafenden ebenso wie über uns, was unschwer an seinem Grinsen und seinen wiederholten belustigten Blicken in unsere Richtung zu erkennen ist.

Ob der Bahnhofschläfer nicht fror? Ob er nicht viel lieber in einem gemütlichen Bett seine Nachtruhe genossen hätte? Ob es ihm nicht viel besser bekommen wäre, das letzt Bier eben nicht mehr zu trinken? Solche und ähnliche Fragen zirkulierten durch meine Hirnrinde, und zöge es mich nicht mit aller Macht zu meinem Kopfkissen hin, so zirkulierten sie wohl immer noch.

Gute Nacht.