DRS2 ist dem Genitiv sein Tod

Ich habe mir ein Käfeli gemacht und dazu die Nachrichten auf DRS2 gehört, wie ich das hin und wieder zu tun pflege. Da hörte ich einen Satz, der mich nicht wegen seines Inhaltes, sondern vielmehr seiner Grammatik wegen wie ein Blitz durchzuckte:

In der israelischen Stadt Tel Aviv haben tausende dem ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin gedacht.

Nachrichten auf DRS2, 3. November 2019, 9:00 Uhr

Vielleicht durchzuckt es dich beim Lesen ebenfalls. Dann gratuliere ich dir herzlich zu deinem fein ausgeprägten Sprachempfinden. Wenn dich hingegen nichts stört, kann das in meinen Augen zwei Gründen haben:

  1. Du bist schlicht und einfach ein sprachlicher Pflock. In dem Fall darfst du diese Website nun schliessen.
  2. Du bist besser gebildet als ich und wusstet bereits, dass gedenken insbesondere in der Schweiz auch mit dem Dativ verwendet werden darf.

Ich war mir dieser Regel nicht bewusst und fühlte meinen Puls aufgrund der vermeintlichen sprachlichen Todsünde bereits wieder in astronomische Höhen schnellen. „Hueresiech, itz chöi si nidmau me im Radio richtig Dütsch!“ Solcherart Gedanken begannen in meinem Kopf zu kreisen. Ein rascher Blick in den Duden (Das Buch! 23. Auflage aus dem Jahre 2004) bestätigte mir meine Meinung:

ge|dẹn|ken; mit Gen.: gedenket unser!

Flugs startete ich also meinen Computer und öffnete das Kontaktformular auf der DRS-Website. In den freundlichsten Worten formulierte ich mein Anliegen, nicht aber ohne zuvor noch auf der Duden-Website den Wahrheitsgehalt meiner Annahme zu prüfen. Und siehe, ebenda wurde ich eines Besseren belehrt: „Gedenken“ kann im schweizerischen tatsächlich auch mit Dativ verwendet werden! Also musste ich meinen Essay noch ein wenig umschreiben und gelangte schlussamend zu folgendem Textchen, das ich in freudiger Hoffnung auf den Weg in die DRS-Redaktion (so hoffe ich zumindest) sandte:

Guten Morgen

In den Nachrichten auf Radio SRF 2 um 9 Uhr habe ich folgenden Satz gehört:
„In der israelischen Stadt Tel Aviv haben tausende dem ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin gedacht.“

Obwohl laut Duden das Verb „gedenken“ auch mit dem Dativ verwendet werden darf (1), möchte ich Ihnen ans Herz legen, sich für die weiteren Ausstrahlungen der Nachrichten doch des Genitivs zu bedienen: „(…) haben taudense des ermordeten ehemaligen Ministerpräsidenten Yitzhak Rabin gedacht.“

Der Genitiv ist ein so wunderbarer Fall, der es je länger desto schwieriger hat, sich in unserer Sprache zu behaupten, wie ja Bastian Sick bereits 2004 in seinem bekannten Buch „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ festgestellt hat.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich eines geruhsamen Sonntags erfreuen können! Freundliche Grüsse,

Manuel Friedli

Ich, am 3. November 2019 um ca. 9:30 Uhr

Wie du unschwer festgestellt haben wirst, habe ich da ganz entgegen meiner sonstigen Prinzipienreiterei von „Radio SRF 2“ und nicht von „DRS2“ gesprochen. Tja, in manchen Fällen halte sogar ich es für opportun, der Klarheit zuliebe auf altgediente Prinzipen zu verzichten. Aber auf meinem Blog hier heissen die Radiosender immer noch „DRS“, das Wankdorfstadion bleibt das Wankdorfstadion und auch die Postfinance-Arena heisst Allmendstadion.

Und wenn du zu den Aufgeweckten unter der Sonne gehörst, hast du ebenfalls bemerkt, dass mir ein derart peinlicher Fehler unterlaufen ist, dass ich mich schämen sollte, so eine Nachricht überhaupt abgeschickt zu haben. Aber die netten Leute beim Radio sollen doch auch etwas zu lachen haben. Und wenn sie meinen Vorschlag, dem gesunden Menschenverstand zum Trotz, ungesehen übernehmen, dann dürfen wir uns alle darob amüsieren, dass wir im Radio den Buchstabendreher „zu taudensen“ zu hören kriegen.

In diesem Sinne, und um den hochverehrten Martin Ebel zu zitieren:

Sprache ist unser Schatz, hüten und pflegen wir sie.

Martin Ebel, jedes Mal nach Ebels Sprechstunde

Diskothek im 2. Babylonisches Sprachgewirr.

Ich höre DRS 2, die Diskothek, Thema: Classical music recomposed. Der eine Studiogast, seinem Akzent nach ein Franzose (also wird’s wohl der Luxemburger Francesco Tristano gewesen sein), sagt: „Es ist interessant, Richter hat hier die Partitur genommen und die ADN der Musik verändert.“ Sein Gesprächspartner, in diesem Fall also Tomek Kolczynski, will assistieren: „‚DNA‘. Auf Deutsch ‚DNA‘.“

Ich sage hierzu: Nein, leider auch nicht. Während ADN ganz sicher Französisch ist, heisst es im Deutschen DNS und nicht – wie im Englischen – DNA. Sorry. Pardon: Entschuldigung.

Ich gestehe Herrn Kolczynski allerdings zu, dass auch mir beim Akronym ADN als „deutsche“ Alternative wohl DNA und nicht DNS in den Sinn gekommen wäre. Insbesondere, da mir mit meiner beruflichen Verbildung unter DNS etwas ganz anderes geläufig ist.